Maithuna- die Verwandlung des Bewusstseins im tantrischen Ritual

Maithuna ist ein Sanskrit-Word (मैथुन) und bedeutet so viel wie „Vereinigung“, „Paar“, „Hochzeit“, „Geschlechtsverkehr“. In der Sankrit-Literatur bedeutet es meist dreierlei:
– Die Statuen an tantrischen Tempeln (buddhistisch, jainistisch oder hinduistisch), welche Götterpaare in erotischer Umarmung darstellen.
– Die symbolische bzw. meditative Durchführung einer überhöhten – also: vergöttlichten – sexuellen Vereinigung.
– Der tatsächliche, rituelle Geschlechtsverkehr, bei dem beide Partner zusammen die Funktion eines Götterpaares einnehmen.
Was diese drei Bedeutungen gemein haben, ist der Anspruch, dass es sich bei dieser Art der Vereinigung zumindest um eine Annäherung an die Verkörperung des Göttlichen handelt.
Ob im Neo-Tantra oder in den traditionellen tantrischen Richtungen … dies scheint immer das vornehmste Ziel zu sein: Die TeilnehmerInnen des Vereinigungsrituals in einen möglichst gottähnlichen Zustand zu bringen, um mit diesem Ausgangspunkt in einem hohen Bewusstsein und enorm viel Energie überragende Wirkungen zu erzielen.

Kennt Ihr die Geschichte vom “Kalif Storch”? Er schnupfte ein Pulver und verwandelte sich mit dem Zauberwort “Mutabor” (lat.: “Ich möge verändert werden.”) in ein Tier. Als er dann lachte,
vergass er das Wort und blieb zunächst ein Storch. Dieses Märchen hat den tiefen Sinn, dass man die Verwandlung des Bewusstseins nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Auch im tantrischen Vereinigungsritual hat die “Verwandlung” des menschlichen Paares in das Götterpaar “Shiva und Shakti” ein hohes Gewicht.

Als solches ist daher das Maithuna- Ritual ein klassischer, magischer Akt und unterliegt daher auch allen Gesetzmässigkeiten magischer Handlungen.

Ich kann mich erinnern, dass ich nach einem meiner Meinung nach “völlig abgefahrenen” spirituellen Erlebnis zu meinem Lehrer ging und ihm voller Entusiasmus davon erzählte. Ich war
davon überzeugt, einen durchschlagenden Erfolg in meiner spirituellen Entwicklung gemacht zu haben. Doch mein Meister dämpfte meine Hochstimmung. Er sagte: “Alles was du sagst, sind nur Gefühlswerte. Diese finden in den unteren Chakras statt. Daher solltest du dem Erlebten kein Gewicht beimessen. Du hattest keine hochstehende Erfahrung!”

Ich war natürlich sehr enttäuscht. War ich mir doch sicher gewesen, der Erleuchtung einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein.
Im Maithuna-Ritual kann eine solche emotionale Einschätzung fatale Folgen haben … wenn man zumindest den alten Schriften und den Meister des traditionellen Tantra Glauben schenkt. Extrem leidenschaftliche Gefühle, wie sie im erotischen Tantra mitunter hervorgerufen werden können, ziehen die Dämonen an wie das Licht die Motten.

Um eine Diskussion über die autonome Existenz von Geistern und Dämonen zu vermeiden, möchte ich mich hier auf den Standpunkt zurückziehen, dass das, was traditionell unter “Dämonen” verstanden wird, in der modernen Psychologie die Schattenanteile der Psyche sind. Diese destruktiven Aspekte gilt es also zu vermeiden.
Das sogenannte “Destruktive”, also die nicht-integrierten (!) Schattenseiten der Persönlichkeit befinden sich nach traditionell tantrischer Psychologie vornehmlich in den Bereichen des Sexchakras (Svaddhistana Chakra) und des Nabelchakras (Manipura Chakra).

Dies ist der eigentliche Grund hinter der märchenhaft anmutenden Überhöhung des Paares in Shiva und Shakti, also in den männlichen und weiblichen Aspekt des Göttlichen.
Die Götter haben nur erhabene Gefühle. Auch der Zorn und die Zerstörungswut Kalis oder der vernichtende Blick Shivas sind erhaben. Sie haben nichts gemein mit der kleinen menschlichen Wut und Zerstörung. Sie haben im Gegenteil eine kosmische Relevanz. Kali tötet und gebiert und erzeugt so den Kreislauf des Seins.

Shiva vernichtet das Böse bzw. löst am Ende der Zeiten alle Materie auf. Die göttlichen Gefühle befinden sich jenseits der Stürme in unseren Kaffeetassen.

Daher legt das traditionelle Tantra einen sehr gesteigerten Wert auf Transfiguration (oder Transformation, wie es manchmal im Neo-Tantra genannt wird). Man kennt in den traditionell-tantrischen Schulen – auch ausserhalb des Maithuna-Rituals – viele Anlässe, Methoden und Techniken, bei denen die Transfiguration – also die Veränderung des Bewusstseins in ein göttliches Vorbild – zentral stehen.
So werden zum Beispiel häufig Nyasas durchgeführt, bei denen durch Berührung und den Gebrauch von Mantras der Körper des/der Berührten nach und nach in eine Gottheit verwandelt wird.

In der Tradition des Sri Vidyas wird eine der Teilnehmerinnen in langwierigen Ritualen in Devi (die Göttin) verwandelt, um dann allen Anwesenden in einer Trance als Orakel zur Verfügung zu stehen.

Die klassischen, indischen Deva-Dasi-Tänzerinnen perfektionierten Zeit ihres Lebens einen Tanz, bei dem sie die Göttin von sich Besitz ergreifen liessen.

Der bekannte, rechtshändige Tantriker und Heilige Indiens Ramakrishna lebte viele Monate auf einem Baum, ass nur, was Affen essen, und gab nur affenähnliche Geräusche von sich. Er wollte sein Bewusstsein vollständig in das des Affengottes Hanuman verwandeln. Als er bemerkte, dass ihm ein Schwanz zu wachsen begann, beendete er seine Sadhana (spirituelle Übung) … so wird zumindest erzählt.

Bevor man also ein Maithuna-Ritual zelebriert, sollte man einen möglichst hohen Grad der Verwandlungsfähigkeit erreicht haben. In einem Vereinigungsritual addiert sich die Energie und das Bewusstsein der beiden Partner nicht nur … sie multiplizieren sich. In einem Chakrapuja, bei dem auch noch Partner gewechselt werden, kann man von einem Potenzieren von Energie und Bewusstsein sprechen! Dies gilt im Positiven wie im Negativen.

Je besser die Vorbereitung der Teilnehmenden ist, um so höher die Chance auf Erfolg.
Das Maithuna-Ritual hat sich im Tantra nicht aus hedonistischen Gründen entwickelt. Es ging im Tantra nie um reine Luststeigerung … obwohl dies einer der direkten Effekte sein kann. Es ging jedoch schon immer um das Kanalisieren der Energie. Viele Methoden und Techniken geben daher auch keine moralische Richtung vor, wie das beispielsweise im Yoga der Fall ist.

Man kann mit dem gleichen, rituellen Ablauf Erleuchtung erlangen, sein Bankkonto auffüllen oder einen Fluch in die Welt schicken. Doch egal wofür man es verwendet, man muss zunächst so viel Energie wie möglich erzeugen ( = Lust) und diese dann möglichst vollständig fokusieren ( = Bewusstsein). Dies bedeutet, dass man sich von dem, was einem in dem Moment am liebsten ist, vollkommen disoziieren muss.

D.h. dass man die Lust auf allerhöchster Ebene unterbricht und sie dann eben nicht in einen Orgasmus münden lässt. Wenn man sein Ego schon hinter sich gelassen hat, ist das kein Problem. Für alle anderen gibt es die Transfiguration.
Nun, gibt es diese Geschichte vom kosmischen Orgasmus. Ich will hier versuchen, ein paar Misverständnisse diesbezüglich aus der Welt zu schaffen. Ich kenne einen tantrischen Meister, der
– wenn er morgens aus der Meditation kam – von seiner Frau mit den Worten begrüsst wurde:
“Und, warst Du wieder bei Deiner anderen Frau?” Er war Kali-Anhänger und was sie meinte war, dass er in seinem Sammadhi mit Kali eine Vereinigung erlebte, die die erotische Vereinigung mit seiner Frau bei weitem übertraf. Findet Sammadhi oder Turya, wie es in manchen tantrischen Schulen genannt wird, dann auch noch in einer sexuellen Vereinigung im Kontext von Maithuna statt, dann kann man von einem kosmischen Orgasmus sprechen! Es dauert viele Jahre der Praxis, um dies zu verwirklichen.
Die älteren unter den Lesern dieses Artikels kennen vielleicht den Film “Stalker” von Andrei Tarkowski. In diesem Film zieht eine Gruppe Menschen durch eine Gegend, die sich ständig in ihrer tatsächlichen Geographie verändert. Um sich nicht zu verlaufen, hat die Gruppe einen Führer, der immer ein weisses Stück Laken, in das er einen Stein gewickelt hat, vorauswirft. Dann geht die Gruppe geschlossen zu dem Stoffetzen. Wenn der weisse Stoff nicht mehr sichtbar ist, so weiss man, dass ein Weitergehen zu gefährlich ist. Man wirft einen neuen Stoffetzen in eine andere Richtung.
So ähnlich kann man sich die Wirkungsweise eines tantrischen Rituals vorstellen. Man geht gemeinsam in einen Bereich, der den Persönlichkeiten der Teilnehmenden völlig unbekannt ist. Die verschiedenen rituellen Gesten, Worte und Handlungen haben die Funktion des Stoffetzens.

Solange man sich an die rigiden Vorgaben des Rituals hält, ist alles im grünen Bereich. Verlässt man den Pfad, weiss niemand, was passieren wird. Dabei gibt es jedoch dennoch eine gewisse Freiheit: So weit man sein Ego vor der Tür des Ritualraums zurückgelassen hat, in dem Maße kann man sich auch von den rituellen Vorgaben lösen. Anders gesagt: Wenn man das Mantra vergisst, weil man Sammadhi erreicht hat, ist das ok. Vergisst man es jedoch, weil man schlecht vorbereitet ist, hat man ein Problem!

Die verschiedenen Elemente des tantrischen Vereinigungsrituals, insbesondere aber die Transfiguration sind für den/die TantrikerIn wie ein kostbares Geschenk. Die alten TantrikerInnen haben Jahrtausende daran gearbeitet, dass auch die, die noch bei weitem nicht ihr Ego hinter sich gelassen haben, für die Dauer des Rituals ihre Persönlichkeit und ihre persönliche Geschichte vergessen können.

In dem Maße, wie dies gelingt, gelingt auch das Ritual. Unser Ego weiss, dass mit dem Betreten des rituellen Raums sein letztes Stündchen geschlagen hat … zumindest für
eine gewisse Zeit.

Ich habe schon Situationen erlebt, in denen direkt vor der Tür des Ritualraums, kurz vor dem Betreten desselben unglaubliche Streitereien zwischen den TeilnehmerInnen entstanden sind. Meist über völlig belanglose, irrwitzige Dinge. Die Egos bäumten sich noch einmal auf … gleichzeitig sind solche Begebenheiten Tests. Schafft man es nicht, trotzdem den Ritualraum zu betreten und das Ritual zu beginnen, dann hat man den Test nicht bestanden.

Ist man jedoch im Ritual angekommen und beginnt den symbolischen Ablauf, der die Persönlichkeit förmlich zerlegt und durch das Bewusstsein einer Gottheit ersetzt, dann werden plötzlich Dinge möglich, die für den/die TantrikerIn im Alltagsbewusstsein unvorstellbar sind!

Dies kann von dem Entdecken zuvor unbekannter Eigenschaften wie Güte, völlig selbstlosem Mitgefühl oder schier grenzenlosem Weitblick bis hin zu spontanem Sammadhi reichen. Maithuna ist wie ein Ausblick in eine mögliche Zukunft, wobei man das eigene, ungeahnte Potential plötzlich zur Verfügung steht und für kurze Dauer entfaltet wird.
Gleichzeitig wirkt es in diese Zukunft. Der göttliche Teil, der im Ritual nicht nur berührt sondern auch aktiviert wurde, wirkt aus dem Unterbewusstsein heraus auf unser Leben. Die Gottheit schält sich langsam heraus und verwirklicht sich in uns. Je mehr Raum wir dem geben und je öfter wir Maithuna praktizieren, um so intensiver ist diese Wirkung.

Maithuna ist wie ein Urlaub von uns selbst, bei welchem wir die Götter als blinde Passagiere in unseren Alltag mitbringen.

Der Weg der Erfüllung des Karma aus tantrischer Sicht

Von Johannes Ganesh

Zunächst einige theoretische Prämissen: In spiritueller Hinsicht bezieht sich Erfüllung auf das Karma. Erfüllung ist die Verwirklichung karmischer Wirkungen (aus naher oder ferner Vergangenheit) in der Gegenwart und Zukunft, ohne jedoch durch die damit verbundenen Handlungen und Taten neues Karma zu schaffen.

Als solches ist der Weg der Erfüllung dem Bhakti Yoga und Karma Yoga sehr nahe. Erfüllung – also das Erleben von Karma –, ohne den Verzicht auf die Früchte der damit verbundenen Handlungen und Taten, schöpft neues Karma.

Letzteres ist in karmisch-spiritueller Hinsicht sehr unökonomisch, da man dadurch das karmische ‚Konto’ nicht abbaut, sondern es höchstens leicht reduziert, wenn es nicht nicht sogar gleich bleibt oder sich vermehrt.

Der Weg der Erfüllung ist also ein Weg, der in gewisser Weise nichts mit dem spirituellen Streben nach Erleuchtung zu tun hat und gleichzeitig enormen Einfluss darauf hat –man muss ihn parallel zu seinen spirituellen Übungen realisieren.

Er ist ein Pfad, der direkt auf die effektivste Weise die Befreiung, also den Austritt aus dem Samsara, beabsichtigt. Er ist vor allem im Tantra verbreitet, da das Einschliessen der Sexualität in die spirituelle Sadhana per se eine grosse, karmische Arbeit beinhaltet.

Svoboda lässt in seiner Aghora-Trilogie seinen Lehrer Vitalananda sinngemäss die Worte sagen, dass Sex immer nur Rhnanubanhana (die persönliche, karmische Schuld,
die zwei Menschen miteinander verbindet) sei. Sex bedeutet daher, dass ein tiefer energetischer Ausgleich stattfindet, dessen karmisches Konto sich nicht nach der Qualität
der erotischen Fähigkeiten oder Erlebnisse sondern nach der Art der ‚Schuld’, die die beiden Partner miteinander verbindet, richtet.

Tantra ist also so gesehen eine Methode, die es dem Sadhaka und der Sadhvini erlauben, innerhalb eines einzigen Geschlechtsakts einen Energieausgleich zu schaffen, für den man ansonsten eine fünfzigjährige Ehe benötigen würde.

Da man jedoch durch solch enorme Energieübertragungen auch leicht Rhnanubandhana/Karma erzeugen kann – und zwar solche, die sehr tiefgreifend und daher
schwerwiegend sind -, ist Tantra gleichzeitig mit der Gefahr verbunden, beim Abbauen einer geringen ‚Schuld’, den ‚Schuldenberg’ ins Unermessliche wachsen zu lassen.
Es besteht daher seit jeher ein Streit zwischen zölibatärer und lustbejahender Spiritualität. Der Asket sagt, dass sexuelle Betriebsamkeit nicht nur die spirituelle Energie schmälert, sondern darüberhinaus auch Anhaftung erzeugt, die neues Karma schafft.

Auf diese Weise sei ein Austritt aus dem Samsara nicht möglich. Der (linkshändige) Tantriker sagt, dass der Verlust der sexuellen Energie nicht vom Sex an und für sich herrührt, sondern von der Entladung beim Orgasmus. Dieser erzeuge auch den grössten Teil der Anhaftung.

Sexualität ohne diese Entladung sei jedoch für den Sucher äusserst vorteilhaft, da er darüber hinaus ungenutzte Energiereserven schürfen und diese durch Resonanz aus kosmischen Quellen vermehren könne.

Dieser Streit zwischen Tantrikern und Nicht-Tantrikern setzt sich jedoch auch innerhalb des Tantra – in veränderter Form – fort. Dies stellt sich im Gegensatz zwischen dem Weg der Erfüllung und dem Weg der Entsagung dar.

Die Entsagung ist eigentlich eine yogischvedische Sache, welche zölibatär geprägt ist. Sie kann jedoch auch innerhalb des Tantras praktiziert werden, bezieht sich dabei jedoch nicht auf den Sex an und für sich sondern auf den Reinheitsgrad der Handlungen, die man verrichtet.

An einem Beispiel erklärt bedeutet das folgendes: Genussvolles Essen zur Stärkung des Körpers ist rein; Fressen aus Gier jedoch unrein. Reinheit erzeugt letztendlich Erleuchtung und Befreiung (Kriya Yoga). Gier erzeugt Karma (, weil man mehr Energie zu sich nimmt als der Körper für das Erfüllen seiner Funktionen benötigt).

Der erfüllende Tantriker jedoch geht von Prämissen aus, die kaum an allgemeine Regeln gebunden sind. An Karma ist immer Dharma gekoppelt. Dharma ist einerseits das Gesetz nach dem Karma erzeugt bzw. vermieden und vom Leben dargeboten wird; andererseits beinhaltet es die Art und Weise, wie man Karma abbauen kann. Ein entsagender Yogi oder Tantriker geht von einem kollektiven dharmischen Gesetz aus. Ein erfüllender Sucher erlebt Dharma ebenso wie Karma als eine individuelle Angelegenheit.

Gier mag also unrein sein … die Erfüllung der Gier jedoch nicht!
Auf dem Weg der Erfüllung ist Karma nicht wie für den Asketen das, was der Befreiung im Weg steht. Im Gegenteil! Karma ist sozusagen der Ariadnefaden, der – wenn er wieder aufgerollt wird – MICH direkt zur Ureinheit führt, wo alles begann … und zwar genau auf dem Weg, auf dem ICH gekommen bin. So wie Hänsel, der den Weg wieder nachhause findet, weil er die ausgestreuten Kieselsteine im Mondlicht glitzern sieht und wieder aufsammelt.

Da sich (trotz teilweiser, kollektiver Strukturen) das Karma immer individuell niederschlägt, lässt eine kollektive Normierung des Dharma immer persönliche Bedeutungen und Effekte des Karma offen. Daher betrachtet der Tantriker auf dem Weg der Erfüllung Dharma immer als eine individuelle Struktur, die sich dynamisch und interaktiv mit jedem aufgelösten und auch neuhinzugewonnenem Karma ändert!

Natürlich gibt es bestimmte Grundregeln. So sind z.B. Mord, Vergewaltigung, Lüge und Betrug generell Taten, die man nur schwer mit dem individuellen Karma rechtfertigen kann. Doch beim Genuss von Fleisch, Alkohol und anderen Drogen verhält es sich schon anders.

Um ein sehr naives Beispiel zu benutzen: Wenn man viele Leben als Schlachtvieh verbracht hätte und sich durch das Ernähren von Menschen durch den eigenen Tod das Recht auf eine menschliche Inkarnation erworben hätte, so könnte es sein, dass man darüberhinaus auch noch das Recht hätte, eine Zeit lang genau diejenigen zu verzehren, die einen früher als Menschen gegessen haben und dadurch jetzt als Schlachtvieh geboren wurden.

Dieser Vergleich hinkt natürlich. Er soll jedoch nur verdeutlichen, dass auch Dinge, die eigentlich als unrein oder verunreinigend gelten, innerhalb des individuellen Karma und Dharma eine Berechtigung haben können. Den einen führt der Weg zur Einheit eben an einem Berg, die andere an einem See vorbei. Das heisst jedoch in keinem Fall, dass See oder Berg generell ‚richtig’ oder ‚falsch’ sind! Es hängt eben vom individuellen Weg ab.

Die Art und Weise, wie man auf dem Weg der Entsagung mit Karma umgeht, ist das sogenannte ‚Verbrennen’. Man tut Busse. Diese Busse wird im Yoga meist in Form einer‚ Tapasia’ oder ‚Tapas’ vom Lehrer oder Guru erteilt. Sobald man bei einer bestimmten Entwicklung eine Blockade im Energiefluss bemerkt, reinigt man diese durch vermehrte Sadhana.

Die Blockade wird einem karmischen Effekt zugeschrieben, falls sie nicht offensichtlich von einem momentanen Fehlverhalten herrührt. Die Übung, die nicht leicht
fallen sollte, löst die in der Blockade gestaute Energie. Diese wird entweder ausgeschieden oder sublimiert.

Die kathartischen Emotionen, die damit einhergehen können, werden weitestgehend ignoriert. Sofern psychologische Aspekte dabei berücksichtigt werden,
beziehen sich diese ausschliesslich auf das dharmische System der Yamas und Niyamas (moralisch-ethische Ver- und Gebote).

Auf dem Weg der Erfüllung ist die Herangehensweise völlig anders. Auch hierbei kann es sein, dass man am gleichen Punkt wie oben eine Tapas ausübt. Ihr Zweck ist jedoch, zum karmischen Kern der Blockade zu gelangen. Dieses Zentrum beinhaltet meist einen Wunsch oder eine Ambition … bzw. das Gegenteil: eine Angst oder Aversion. Bei negativen Gefühlen sucht man nach der positiven Kehrseite, die darunter verborgen ist. (Beispielsweise kann Eifersucht aus dem unerfüllten Wunsch nach Nähe entstanden sein.) Eine solche Blockade geht meist mit einer entsprechenden Lebenssituation einher … oder aber sie weckt beim Berühren des Kerns im kathartischen Prozess der Tapasia einen Wunsch, eine Sehnsucht oder eine Ambition.

An dieser Stelle schreitet dann die Praxis der Erfüllung zur Tat. Ohne Umschweife gilt es, die Sehnsucht zu erfüllen. Hierbei ist es von grösster Wichtigkeit, dass man ständig überprüft, dass sich keine negative Motivation in die Erfüllung einschleicht.

Das Glas sollte immer halb voll sein, niemals halb leer. Denn ist es halb leer so muss man es bis zur (bittren!) Neige austrinken. Ist es jedoch halb voll, so kann man es ganz (er-) füllen. Dies steht einer Schicksalhaftigkeit im üblichen (christlichen) Sinne konträr entgegen. Man macht sich geradezu auf die Suche nach dem Schicksal, doch anstatt es (passiv) zu erleiden, bejaht man es und macht es (aktiv) zu seiner Bestimmung. So bildet man sein Bewusstsein durch Erleben. Ist z.B. die Lust auf Fleisch erst einmal erfüllt, stellt sich der Vegetarismus von selbst ein.

Beide Methoden, das Verbrennen sowie das Erfüllen, haben jedoch ihre Berechtigung … und neben Ihren jeweiligen Vorteilen auch ihre Schwächen und Fallen!

Der Weg der Erfüllung ist vor allem sogenannten ‚alten Seelen’ angeraten. Junge Seelen sollten das Verbrennen bevorzugen. Der Grund hierfür liegt in dem Gesetz der Resonanz und dem Entwicklungsgrad der Intuition.

Alte Seelen, vor allem solche, die schon mehrere Leben in spiritueller Suche verbracht haben, sind durch eine starke Resonanz mit ihren Wünschen verbunden. Sie
treffen immer wieder auf Situationen, in denen sie mit diesen konfrontiert werden. Junge Seelen hingegen könnten durch das Erleben bestimmter (neuer) Erfahrungen eben gerade diese Resonanz aufbauen und dadurch einer Sache erst verfallen.

An Gewissheit grenzende Intuition ist erst nach einer langen Erfahrung (der Seele) möglich. Zwar ist eine pure, reine Intuition gerade bei jungen Seelen anwesend, doch in Situationen, die sich in moralischen Grenzbereichen bewegen, fehlt Ihnen das notwendige (selbstkritische) Unterscheidungsvermögen. Daher ist für eine junge Seele das Verbrennen von Karma (meist) der sicherere Weg zur Befreiung.

Für die alte Seele jedoch ist das Verbrennen nicht nur langwieriger (da die aufzuwendende Energie sehr gross sein muss) sondern auch
ineffizient. Verbrennen bedeutet immer, dass ein Rest Asche bleibt. Diese Asche beinhaltet – wie bei dem dämonischen Fabelwesen Vampir – immer auch die Essenz der Sache – und diese Essenz verlangt nach dem Blut des Lebens. Wenn man z.B. einen extremen Kinderwunsch hat, diesem jedoch nicht nachgeht, weil man in der derzeitigen Inkarnation seine Zeit voll und ganz der Meditation widmen möchte, so kann man diesen kreativen Impuls möglicherweise auf einer höheren Ebene sublimieren.

Doch die Rhnanubandhana mit der betreffenden Seele, welche den Menschen um Inkarnation bittet, bleibt erhalten. So kann es sein, dass man sehr erleuchtet ist, und dennoch zurückkehren muss, weil einem durch diese Schuld die Tür zur Befreiung verschlossen bleibt. Seelen wollen eben trotz Erleuchtung gezeugt/empfangen und geboren werden.

Wie schon gesagt löst man beim Verbrennen nur die Energie von der Essenz. Diese bleibt jedoch als Hülle, als Form des Karmas wie ein Autoreifen, aus dem man die Luft gelassen hat, erhalten.

Das Erfüllen von Karma hingegen kann den Sucher, wenn er nicht schnell genug zum Kern vordringt oder einen Teilaspekt als Kern ansieht, in einen Zustand anwachsender Verstrickung führen. Sucht ist die Folge. Man verwechselt dann Kompromisslosigkeit mit Gier, was das Karma nur noch verstärkt.

Das Verbrennen hinterlässt also immer einen Rückstand. Erfüllung kann diesen zwar vermeiden, doch sie lässt leicht neue Verstrickung aufkommen.

Wie also kann man – in beiden Fällen – überhaupt die Hoffnung hegen, das Ziel jemals zu erreichen? Die Antwort ist: Gnade.

In beiden Fällen ist Vertrauen in das Göttliche nötig, die Gewissheit oder zumindest die Hoffnung, dass einem die Essenz aller Dinge drei Schritte entgegenkommt, wenn man nur einen in ihre Richtung tut.

Diese Abhandlung ist grösstenteils sehr theoretisch. Das ist dem Bestreben geschuldet in möglichst wenigen Worten, die wichtigsten Dinge zu sagen.

Der Weg der Erfüllung ist jedoch alles andere als abstrakt! Es geht bei ihm um das Leben selbst. Oben nannte ich energetische Blockaden als Ausgangspunkt für das Verbrennen oder Erfüllen von Karma.
Meist zeigt sich dem nach Erfüllung Suchenden sein Karma jedoch im (Er-) Leben. Man kann sich beispielsweise sicher sein, es mit einem nach Erfüllung strebenden Karma zu tun zu haben, wenn ein Gedanke, ein Wunsch oder eine Sehnsucht zur Obsession wird.

Alles Obsessive (dies ist nicht im pathologischen Sinne gemeint), das die Gedanken beherrscht und dem man innerlich zeitweise kaum noch ausweichen kann, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch Erfüllung auflösbar. Eine Obsession ist wie ein Loch, das man immer wieder übersieht und in welches man ständig wieder hineinfällt. (Er-) Füllt man es, ergründet man also dessen Tiefe, Durchmesser, die Substanz, die fehlt (und das ist das wichtigste dabei!), so kann man beginnen, es mit den Erfahrungen des Auslebens zu füllen.

Ständige Bewusstheit und das Vertrauen in das eigene (höhere) Selbst sind dabei absolut notwendig. Hat man es dann tatsächlich bis zum Grund ausgelotet und erfüllt, so
bleibt … nichts. Der Weg ist wieder eben und wenn man zurückschaut kann man nur mit Mühe ausmachen, wo das Loch einmal gewesen ist.

Wenn man sich den Weg der Erfüllung als Konzept anschaut, so hat man leicht den Eindruck einer Sysiphos-Arbeit. Dies erscheint aber nur so, da der Begriff des Karmas vor allem mit negativen Assoziationen verbunden ist.

Zum grössten Teil ist jedoch das Gegenteil der Fall: Hat man das entsprechende Karma erst einmal erkannt, ist man zu seinem Herzen vorgedrungen, was durch die Gravität der entsprechenden Schicksalsfügungen fast wie von selbst geschieht, so ist die Erfüllung zwar nicht nur, aber dennoch vor allem von grosser (Lebens-) Lust begleitet, die eine enorme Kraft spendet.

Kräfte zehrend ist es jedoch, wenn man sich für die Zeit der Arbeit an einem solch Unternehmen der Sache nicht 100%ig und kompromisslos verschreibt. Dann kommt der Punkt, an dem Aufwand und Nutzen nicht mehr in einem ökonomischen Verhältnis stehen und der Wunschtraum zum Alptraum wird. Das Leben – und vor allem das eines Tantrikers – spielt sich immer in der sozialen Einbindung, in Beziehungen ab. So kann es durchaus passieren, dass die grösste Liebe zu einem Scheiterhaufen wird, auf welchen wir unsere Sehnsüchte dann doch den Flammen übergeben müssen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass dies den meisten Erfüllung Suchenden irgendwann passiert.

Doch gerade hierin zeigt sich dann, ob man bereit ist, diesen Weg wirklich vollständig zu gehen. Denn Erfüllung bedeutet irgendwann auch Erfüllung des Schmerzes, des Leids, der Eifersucht usw.. Doch dies läutet dann eine neue Phase in der Alchemie der Erfüllung ein. Unerfülltes mit ganzem Herzen annehmen zu können, kennzeichnet die Phasen wirklicher Transformation. Schmerz wird dann zu Lust, Leid zu Freude, Eifersucht zu Mitgefühl … Dies hat nichts mit masochistischer Perversion zu tun. Es
ist die Erfüllung in der Umkehrung, die Realität als Transzendenz, das Licht, das aus der Dunkelheit geboren wird.

Per obscuram ad obscuram. Durch das Unbekannte zum Unbekannten. Das ist die Reise auf die uns der Weg der Erfüllung schickt. Und immer wenn man denkt zu wissen, kann man getrost davon ausgehen, dass man falsch liegt. Es ist das Wunder, das uns erwartet und dem wir uns hingeben müssen. Und das Wunderbare trägt immer das Gewand des Unerwarteten. Das ist seine Natur.

‚Ich suchte Gott … und alles was ich fand, war mich selbst.
Ich suchte mich selbst … und alles, was ich fand, war Gott’
Dieser Text enthält viele Statements, die als Generalisierungen und Pauschalisierungen daherkommen. Hierfür möchte ich mich entschuldigen. Ich verwendete sie lediglich, um Prinzipien, Sachverhalte und Wirkungsweisen zu erklären, nicht um sie als Wahrheiten zu präsentieren.

Der Weg der Erfüllung kennt keine Dogmas. Dies wäre ein Widerspruch. Um dem Thema gerecht zu werden, müsste man ein Buch schreiben … oder mehrere … nein,
um ihm wirklich gerecht zu werden, muss man es leben!

Copyright: Johannes Ganesh Tantra-Yoga –>email: johannes_ganesh(at)anahata-tantra.de

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Mann – Sein