Geschichte des Tantra

Kurze Überlegungen zur Geschichte des Tantra

(für Surabhi)

 

Indien ist ein riesiges Land und sicherlich eine der ältesten Zivilisationen dieses Planeten.
Jeder Teil Indiens hat seine eigene Geschichte und vieles davon ging im Nebel äußerer
und innerer Machtkämpfe über die Jahrhunderte und Jahrtausende verloren.
In Bezug auf Tantra gibt es einen gewissen Blick auf die Geschichte der
indischen und vor allem der hinduistischen Spiritualität, die man ohne Widerspruch zu
den Mainstream-Überzeugungen beibehalten kann.
Ich spreche von dem ewigen Streit zwischen der mehr oder weniger „offiziellen“
brahmanischen Theologie und der(den) tantrischen Lehre(n).
Um den vollen Umfang dessen zu verstehen, ist es wichtig, das Augenmerkauf die theologische
Grundlage der Hindu-Religion zu richten:
Das Kasten-System und seine Wurzeln in der Idee der Reinkarnation, die sich in die
Lehren von Karma und Dharma verzweigt.

 

Das brahamanische Dilemma

Die brahmanische Erklärung für die Existenz des Kasten-Systems war seit jeher,
dass durch die Reinkarnation und die Verarbeitung sowie die Auflösung des Karmas
die Seele durch die verschiedenen Kasten aufsteigen und schließlich Erleuchtung und
Befreiung als verwirklichter Brahmane erlangen würde. Das Werkzeug, mit welchem dies
erreicht werden soll, ist grundsätzlich  nur eine einzige Sache: Reinigung.
Sobald die Seele vollständig von den verschiedenen Karmas gereinigt ist, wird sie ihren
natürlichen Zustand erreichen, der Erleuchtung ist. Sie wird frei vom Samsara, indem
sie Handlungen, die neues Karma produzieren würden, nicht ausführt.
So gesehen ist der Weg zur Verwirklichung des Selbst (Jivatman) die natürliche Evolution,
die letztendlich jedes (menschliche) Wesen gehen muss. Der religiöse Brahmane sieht
sich selbst als die höchstmögliche, materielle Emanation dieses Weges.
Der nächste Schritt wäre die transzendierte Seele, die quasi zu Hause (in Atman)
angekommen ist, um dann nie wieder geboren zu werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es das Gesetz des Dharma. Dharma ist im Grunde eine
Reihe von kollektiven Regeln, die die Seelen durch die verschiedenen Inkarnationen führen,
um am Ende Befreiung zu erreichen. Diese Regeln variieren natürlich je nach dem,
in welchen Umgebungen (d. h. Kasten) die Seele inkarniert ist. Im Folgenden möchte ich
ein Beispiel geben: Die einzige Praxis des spirituellen Brahmanen besteht darin,
Verunreinigungen durch Kontakt mit „unreinen“ Objekten oder Personen zu vermeiden.
Die Vorstellung beinhaltet, je vollständiger diese Vermeidung ist, desto schneller wird seine Entwicklung fortschreiten.
Aber der Brahmane ist in die Gesellschaft integriert! Dadurch ist er von anderen Menschen,
die sich anstatt seiner verunreinigen, abhängig!
Der Dharma des Brahmanen ist die „Erhaltung der Reinheit“. Deshalb ist der Dharma der
Mitglieder anderer (niederer) Kasten der Kontakt zu ebendiesen Verunreinigungen … zum
Beispiel wenn es Krieg gibt. Für den Brahmanen wäre es ein Akt der Unreinheit, ein Soldat
zu sein und den Feind zu töten. Darum gab es eine Kriegerkaste, deren Dharma es war, dem
Feind im Krieg zu begegnen.
Natürlich ist der Tötungsakt auch für den Krieger eine unreine Sache. Aber da er den
Brahmanen nicht nur vor dem Feind selbst, sondern auch vor der unreinen Handlung des
Dahinschlachtens anderer Menschen schützt, kann der Krieger einen Zustand erreichen,
in dem er als Brahmane wiedergeboren werden kann und zur Befreiung aufsteigt.
All dies hat natürlich mit der richtigen Art und Weise, den Weg des Kriegers zu gehen, zu tun.
Die Bhagadvad Gita erklärt das sehr ausführlich.

Der wichtigste Punkt in der ganzen Lehre ist, dass die Seele viele Stadien
durchlaufen muss, um eine karmische Reinheit zu erreichen, die es ihr ermöglicht,
das Rad von Tod und Wiedergeburt hinter sich zu lassen, um wieder Einheit mit dem
Göttlichen zu erlangen. Das sagt zumindest der Brahmane …

 

Abkürzungen zur Befreiung

Wenn man es genau betrachtet, ist der Hinduismus eine ziemlich rigide Religion …
obwohl er ein Synkretismus vieler lokaler Kulte und daher in seinem Kern und
seiner Herkunft sehr tolerant ist.
Um alle diese Völker aus verschiedenen Gegenden und von den verschiedensten
sozialen Hintergründen und Umgebungen bei der Stange zu halten, benötigte man
ein Sicherheitsventil.
Und hier kommen die Yogas, die Sadhus, die Swamis und die Babas aus der Vielfalt
der Bruderschaften (Sampradayas) ins Spiel. Diese Kulte boten Abkürzungen durch
den Samsara an und gaben den Daliths und den unteren Kasten eine gewisse Hoffnung:
„Ich habe die Wahl …entweder lebe ich noch 10.000 Leben oder ich schliesse mich
einer bestimmten Lehre an und verrichte die Arbeit von 100 Inkarnationen in nur
einem Leben! Es gibt einen Ausweg! “ So blieb die Verantwortung bei der Person.
Natürlich ist das individuelle Denken nicht die Hauptstärke des Hindus weder heutzutage
noch in früheren Zeiten …
Dennoch war es eine gültige  Option, die Herde zu verlassen und einen direkteren Weg zur
Befreiung zu finden. Diese spirituellen  Schulen ehrten die Brahmanische Lehre.
Sie benutzten diese einfach anders.
Darum spricht der Brahmane normalerweise nicht gegen Yoga oder Sampradaya
(solange sich die Bruderschaft innerhalb der orthodoxen Grenzen des Hinduismus bewegt).
Natürlich hat das seinen Preis: Wenn man eine Abkürzung nehmen will, muss man auf die Welt
verzichten, die Familie und die meisten Annehmlichkeiten der Gesellschaft. Darüber hinaus hängt
alles davon ab, inwieweit man bereit ist, Entbehrung und Buße auf sich zu nehmen. Je mehr
man leidet, umso schneller kann man Erleuchtung und Befreiung erreichen. Dies ist natürlich
eine schlechte Reklame für einen spirituellen Weg außerhalb des Kasten-Systems, da es bedeutet,
dass die schlimmsten Lebensbedingungen immer noch besser sind als die Bitterkeit des
spirituellen Weges … ohne Familie, ohne Kinder und ohne persönliche Liebe zusätzlich zu
Armut und Tapasia! Nicht viele Leute sind bereit, dies zu tun. Deshalb haben diese Alternativen
die Brahmanische Herrschaft nie gefährdet.

 

Der Schachzug des Tantrikers

An einem gewissen Punkt wurde all dies in Frage gestellt und das theologische Gebäude des
Hinduismus wurde mit dem Erscheinen eines Kults, der als Tantra bekannt ist, stark verunsichert.
Wenn wir über Tantra sprechen, dürfen wir nicht an ein homogenes Konstrukt denken.
Der Hinduismus selbst hat ja viele Ausprägungen. Sogar aufwändigen Studien und Enzyklopädien
ist es bisher nicht gelungen, die Ganzheit des Tantrismus zu erfassen. Es gibt jedoch zwei Merkmale,
die Tantra im Lichte der Brahmanischen Gedankengänge als eine mehr oder weniger revolutionäre
Philosophie erscheinen lassen.
HausherrInnen: Irgendwann begannen sich die intelligenteren und spirituell interessierten Hindus,
die nicht mit einer Geburt in einer höheren Kaste ausgestattet waren, zu fragen, ob es wirklich
notwendig sei, außerhalb der Gesellschaft zu leben, um nach Erleuchtung zu streben.
Gab es wirklich keine Alternative zu einem Weg, der schneller ist als das schier endlose Leben und
Sterben? Was wäre, wenn es noch eine andere Art und Weise mit Karma umzugehen gäbe als die
von den Brahmanen beschriebene?
Könnte man nicht das geistige Wachstum des Individuums durch bestimmte Methoden und Techniken
sowie durch den richtigen Blick auf das spezifische Karma des Individuums beschleunigen?
Nicht alle Reinigungen sind für alle notwendig, da nicht alle das gleiche Karma haben!
Auf der anderen Seite könnten manche Leute viel mehr von einem
gewissen „Heilmittel“ brauchen als andere, da sie Karma in sehr eingeschränkten Bereichen
angesammelt haben können! In diesem Sinne könnte man davon ausgehen, dass das spezifische
Karma einer Person eigentlich den individuellen Weg zur Erlösung dieses Menschen in sich trägt!

Karma zeigt den Weg zur Befreiung, da es gelöst werden muss. Und da die Karmas von
verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich sein können … müssen die Wege zur Befreiung
auch divergieren! Warum also sollte eine Person weitere 1.000 Leben mit der Herde gehen,
wenn das Nirvana am Ende dieses Lebens erlangt werden könnte, solange man sich auf das
Verbrennen bzw. das Erfüllen des spezifischen Karmas konzentriert! Und zweitens:
Wenn das Karma von zwei Individuen so verschieden ist, dass auch ihre spirituellen Pfade sehr
unterschiedlich sind, muss es dann nicht auch einen großen Unterschied im Dharma geben,
nach welchen sie leben sollten ?! Eine Sache, die für eine Person unrein ist … könnte für jemand
anderen ein Sakrament sein!

Alles hängt vom persönlichen Karma ab. Das bedeutet, dass Dharma auch persönlich sein muss!
Natürlich gibt es bestimmte Grundregeln. Mord zum Beispiel wird niemals ein reiner Akt sein.
Und das Sammeln von Müll ist nicht notwendigerweise unrein.
Dies sieht man vor allem in der heutigen Zeit! Müll sammeln ist das Reinigendste, das man
momentan überhaupt nur tun kann! Diese Art zu Denken brachte die Idee der/s „HausherrIn“ hervor.
Das bedeutet, dass jeder, der einen Job und eine Familie hat, Mann oder Frau, egal von welcher Kaste,
einen spirituellen Weg gehen kann, in dem ein „normales“ Familien- und Berufsleben einbezogen
ist. Sich dem persönlichen Karma auf die richtige Weise anzunähern, kann für die betreffende
Person (und NUR für diese Person!) die exakte Wegbeschreibung zur Erleuchtung und Befreiung
sein.

Man steigt durch das, wodurch man fällt: Die Brahmanische Lehre hat einen ganz bestimmtes
Regelsystem von Ge- und Verboten. Es gibt viele Dinge, die beachtet werden müssen, um nicht
nur ein reines sondern auch eine reinigendes Leben zu führen. Dies beginnt mit dem Verbot,
Fleisch und Fisch zu essen. Es regelt den Umgang zwischen menstruierenden Frauen und
Männern. Es bestimmt die Umstände, unter denen Geschlechtsverkehr stattfinden kann.
Es verbietet die Verwendung von Alkohol und Drogen … etc.

Die Mütter und Väter des Tantras fragten sich, warum diese Dinge für den Brahmanen so
gefährlich waren. Und sie kamen zu einer sehr erhellenden Schlussfolgerung: Alle diese Dinge
sind für die Reinigung des Brahmanen gefährlich, weil sie riesige (!) Energiemengen enthalten,
die sich unvorteilhaft auswirken könnten. Aber was wäre, wenn diese Energie genutzt werden könnte,
um die spirituelle Entwicklung des Einzelnen fördern? Wie ein Seemann, der gegen den Wind
kreuzt, könnte man auf dem Ozean der Energie aktiv segeln, anstatt nur dann in See zu stechen,
wenn der Wind günstig steht.
An dem Konzept von Brahmacharya (Sexlosigkeit oder Zölibat) kann man dieses Prinzip gut
erklären.
Die Sexualität ist in der Brahmanischen Philosophie etwas, das uns in die Dichtheit des
irdischen Daseins herunterzieht. Sie ist grundsätzlich von den Instinkten bestimmt und gehört zu
unserer tierischen Natur. Deshalb muss sie auf die Fortpflanzung beschränkt werden. Die Yogis
und Swamis und alle anderen, die versuchen, eine spirituelle Abkürzung zu gehen, benutzen daher
das Zölibat als eines ihrer Hauptwerkzeuge. Das bedeutet, dass sie die Sexualität völlig aus ihrem
Leben verbannen, da sie diese nicht nur für unrein halten, sondern auch den Verlust der Energie,
den sie mit sich bringt, fürchten.

Der Tantriker sieht sich die Sache genauer an. Er sagt: „Was genau ist es, was uns dazu bringt,
beim Sexualakt Energie zu verlieren? Es kann nicht die Aktivität an und für sich sein, weil wir
alle davon abhängen, nein, sie muss ja geradezu göttlich sein, da sie neues Leben hervorbringt!
Aber wenn wir diese enormen, lebensspendenden Energien ausschliesslich für unser Vergnügen
benutzen … dann verschwenden wir natürlich enorme Mengen von Energie!
Hieraus schlossen die Tantriker, dass es nicht der Geschlechtsverkehr sein kann, der unsere
Energiereserven entleert, sondern die Ejakulation, die Menstruation und der
Eisprung.

Tantra lehrt uns als einer der ersten Schritte, wie man diese Dinge kontrolliert. Wenn
zum Beispiel ein Mann seine Ejakulation kontrollieren kann, stehen ihm unglaubliche Mengen
an Energie zur Verfügung … so riesig, dass seine Sexualität beginnt, als Kraftwerk zu
funktionieren! Dies wird ihm nicht die Energie rauben … im Gegenteil: Dieser Vorgang wird
seinen Energiepegel zu ungeahnten Höhen aufschwingen!

Die Tantriker wissen, dass es nicht der Akt selbst ist, der eine Sache nützlich und heilsam macht,
sondern die innere Haltung und die Art und Weise, wie er durchgeführt wird.

 

Schlussfolgerung

Bedeutet das, dass der Brahmane völlig falsch liegt?
Nein, überhaupt nicht!
Der Weg des Brahmanen ist gültig. Er dauert lediglich sehr lange. Gleichzeitig könnte man ihn
im ethischen Licht der Neuzeit als legitimierten Rassismus betrachten. Auch habe ich bisher
nicht über die Rolle der Brahmanen-Frauen gesprochen, die nur einen bestimmten (niedrigeren)
Zustand der Verwirklichung an der Seite ihrer Ehemänner erreichen können – durch Bhakti (Hingabe).

Die „Methoden der Abkürzung“ geben allen sozialen Schichten eine Chance.
Sie funktionieren sehr demokratisch. Aber … sie haben auch meist eine rein patriarchalische
Grundhaltung. Man findet in ihnen nur sehr selten Frauen.

Der tantrische Weg steht völlig jenseits der Vormachtstellungen von Kaste und Geschlecht.
Viele der alten Meister waren Frauen. Eine Frau würde im tantrischen Sinne einen viel
besseren Guru abgeben als ein Mann. Tantra findet seine Methoden immer am Rande oder sogar
außerhalb der Gesellschaft.
Dort liegt die Energie – verloren und vergessen. Die Zeiten haben sich sehr gerändert, seit die alten
hinduistischen Schriften geschrieben wurden – sowohl die vedischen als auch die tantrischen.
Wir leben in Kali Yuga, dem Zeitalter von Kali, der Zerstörerin.
Nach dem Hinduismus ist Kali Yuga das Zeitalter des Tantra.

Grundsätzlich kann heutzutage jeder Erleuchtung, bzw. Befreiung erreichen! Und es spielt keine Rolle mehr,
aus welcher Kaste man stammt, ob man männlich oder weiblich ist, ob man im Osten oder Westen lebt …
man sollte nur eine spirituelle Praxis ausüben. Darüber hinaus ist göttliche Gnade reichlich vorhanden.

Natürlich muss sich auch der Tantriker ändern. Er suchte nach Energie im Saum und den Falten
des brahmanischen Systems. Jetzt verschwindet dieses System. Der Tantriker lebt jetzt eher
im Westen unter den Christen und Atheisten!
Er muss auf andere Weise nach Energie suchen. Die (westlichen) Gesellschaften sind liberaler und offener denn je.
So könnte der Tantriker ein Vegetarier oder ein Veganer sein, er würde vielleicht gar keine Drogen nehmen
und keinen Alkohol trinken, er würde nach einer ethischen und moralischen Plattform suchen,
um freie Liebe zu leben, er wäre vielleicht Umweltschützer, Feminist, Anti-Konsument oder Freiheitskämpfer …
und er wäre natürlich – mehr denn je – eine SIE.

Johannes Ganesh
Berlin, im Mai 2017

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